Der Artikel im Chökor, der Zeitschrift des Tibethaus Frankfurt:

Das Kartenhaus der Illusionen

Persönliche Erfahrungen und Hilfen beim "Dämonenfüttern"

Brigitta Gerke-Jork

Die bekannte amerikanische buddhistische Lehrerin Tsültrim Allione hat mit dem „Dämonenfüttern“ (feeding your demons, FYD) eine hilfreiche und wirkungsvolle Methode entwickelt, die es auch Nichtbuddhisten ermöglicht, das seit Jahrhunderten im Chöd praktizierte Verfahren für sich zu nutzen. Mit „Dämonen“ sind innere Schatten, Energiefresser, wie Ängste, Krankheiten, Süchte, Beziehungsprobleme u.a. gemeint. Mit ein wenig Übung kann man spezifische Probleme mit der sogenannten „Fünf-Schritte-Methode“ allein im stillen Kämmerlein imaginieren und „füttern“, was dazu führt, dass sie sich verändern, sich auflösen oder zu Verbündeten werden können. Leichter geht es mit Begleitung. Der Artikel beschreibt, welche Möglichkeiten der Unterstützung es inzwischen gibt.

Seit dem 12. Jh. wird im tibetischen Kulturraum Chöd (1) praktiziert, ein Weg, die Anhaftung an das Ich (2) zu durchschneiden, und so auch Ängste und Krankheiten zu transformieren. Die klassische Praxis beinhaltet Visualisierungen, Rezitationen und Gesänge. Diese werden vom Praktizierenden begleitet durch das rhythmische Schlagen einer Doppeltrommel (Damaru) in der rechten und das gleichzeitige Anschlagen einer Handglocke (Ghanta) mit der linken Hand. Allein diese beiden unterschiedlichen Bewegungen gleichmäßig und im richtigen Rhythmus auszuführen bedarf einiger Übung und einer besonderen Art von Konzentration (versuchen Sie einmal, mit jeweils einer Hand zwei verschiedene Bewegungen gleichzeitig auszuführen, dann bekommen Sie eine Ahnung davon, welche Art von Wachheit und im-Fluss-bleiben dadurch geübt wird). Traditionell wird Chöd an Orten praktiziert, an denen der Praktizierende mit seinen Ängsten oder Krankheiten konfrontiert ist, z. B. auf Leichenstätten oder in Gegenden, in denen Epidemien ausgebrochen sind. Auch dort sind mit „Dämonen“ die Ängste gemeint, die uns mit Flucht, Angriff oder Schockstarre reagieren lassen. Tsültrim Allione hat diese Methode aus dem traditionellen tibetisch geprägten Habitus herausgelöst, so dass Nichtbuddhisten den komplexen Ritus nicht mehr erlernen müssen, jedoch die positive Wirkung für sich und auch für andere (die traditionelle Widmung „zum Wohl aller fühlenden Wesen“ ist geblieben) erleben können. Sie konzentriert sich allein auf die Visualisierung und dort exemplarisch auf ein persönliches Problem. Die Haltung des Chöd ist, weder wegzulaufen noch dagegen zu kämpfen, sondern sich dem Bedrohlichen zuzuwenden, es zu erforschen. Diese Haltung bestimmt auch das „Dämonen füttern“. Das Schema hilft uns, Schritt für Schritt weiterzugehen und nicht in den starken Gefühlen und manchmal beängstigenden Bildern oder auch im Nebel des „ich erkenne es nicht genau“ steckenzubleiben. Man kann diesen Weg mit Hilfe des Buchs von Tsültrim Allione (3) allein gehen. Es gibt auch eine CD, die durch die Visualisierung führt (allerdings gibt es dort häufigere Platzwechsel, jede Frage wird einzeln gestellt und beantwortet). Auch im Chökor (4) sind diese Schritte schon in einem Artikel von Tsültrim Allione selbst dargestellt worden.

Deshalb möchte ich hier nicht mehr im Einzelnen darauf eingehen. Hier sei nur ganz kurz der Ablauf beschrieben:

1. Spüre das Problem in deinem Körper.

2. Personifiziere das Problem als Dämon auf einem gegenüberliegenden Sitz und stelle ihm die drei Fragen: Was willst du von mir? Was brauchst du eigentlich? Und: Wie würde es dir gehen, wenn du bekommst, was du eigentlich brauchst?

3. Beantworte die Fragen aus der Position des Dämons heraus.

4. Füttere den Dämon und treffe Deinen Verbündeten.

5. Auflösung aller Bilder und sich selbst in Leerheit, Entspannung. Widmung.

Zur Erinnerung und Veranschaulichung habe ich exemplarisch einen Prozess, den ich persönlich begleitet habe, als Comicstrip aufgezeichnet. Ich danke O. für die Erlaubnis, ihren Prozess veröffentlichen zu dürfen. Eins sei noch erwähnt: Im 5. Schritt erlebt man eine besondere Qualität der Ruhe. Eine Klientin hat formuliert: „Ich hab schon viel über Leerheit gehört und gelesen. Aber am Ende des Dämonenfütterns kann ich sie erleben.“ Eine andere meinte: „Diese Ruhe habe ich überhaupt sonst noch nicht erlebt.“

Wer das Dämonenfüttern anfängt, sollte sich von auftretenden Schwierigkeiten nicht entmutigen lassen. Es ist Anfangs nicht einfach, den eigenen Phantasiebildern zu vertrauen. Oft neigen wir dazu, uns zu verurteilen, wenn sie seltsam, skurril, oft nur undeutlich erscheinen und erst einmal nicht zu verstehen sind. Wir denken dann schnell: „Ich kann das nicht.“ Dabei ist es normal: Wer noch nie mit Visualisierungen gearbeitet hat, muss sich erst daran gewöhnen, muss die auftauchenden Bilder etwas länger betrachten und Details erfragen, um sie dann deutlicher sehen zu können. Manchmal schweifen die Gedanken ab, dann macht man einfach da weiter, wo man den Faden verloren hat. Unsere innere Bilderwelt ist zudem bevölkert von archetypischen Wesen, die oft wie Comic- oder Filmfiguren aussehen. Es erscheint einem am Anfang seltsam, sie ernst zu nehmen, oder man hat eine unüberwindbar erscheinende Aversion dagegen, dieses z.B. Golum-artige Wesen zu füttern. Sich anschließend Notizen zu machen ist empfehlenswert und hilft, den Prozess klarer zu sehen. Man lernt seine eigene Bildsprache und die ihr innewohnende Weisheit langsam immer besser kennen und vertraut ihr zunehmend. Bei den ersten Schritten kann es auch passieren, dass man, ausgelöst durch das Thema, mit Übelkeit, Frieren oder Müdigkeit u. a. zu kämpfen hat. Einfach weitermachen hilft, der nächste Platzwechsel kommt, und schon kann sich das Befinden komplett verändern, manchmal überraschend anders als erwartet. Vielen Dämonen geht es nämlich z.B. richtig gut, sie haben eine machtvolle Position. Und auch diese Gefühle erlebt man beim Stuhlwechsel. Oder das Beantworten der Fragen führt in andere Stimmungen.

Wer sich bei all dem lieber helfen lassen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Tsültrim Allione hat Lehrerinnen ausgebildet, die Kurse geben dürfen. Außerdem hat sie eine Zusatzausbildung für Therapeuten zusammen mit der Würzburger Gestalttherapeutin Dr. Barbara Staemmler entwickelt. Die Therapeuten sind in der Lage, bei der Überwindung der Schwierigkeiten zu helfen und Wege zu finden, wenn unerwartete individuelle Probleme auftauchen.

Wer das Dämonenfüttern in der Gruppe kennenlernen will, kann das in kleineren Seminaren tun. Außerdem gibt es Wochenseminare, in denen auch das sich gegenseitig Begleiten geübt wird. Die Gruppenmitglieder können sich auch anschließend gegenseitig bei auftretenden Schwierigkeiten helfen oder sich gegenseitig begleiten. In einigen Städten haben sich Gruppen gebildet, die sich regelmäßig treffen. Sich begleiten zu lassen ist immer gut, egal, ob von einem Therapeuten oder einem Kollegen, da man sich ganz in den Prozess einfühlen kann, ohne die Konzentration aufbringen zu müssen, sich selbst durchzuführen. Die gestellten Fragen schärfen die Bilder, und anschließend kann man sich zu zweit besser an die Antworten erinnern. Sich seinen eigenen Schatten zu stellen kostet Mut und Überwindung, auch bei einer Dämonenfütterung.

Ich hoffe, der hier abgebildete Comic kann etwas von der Freude und dem Frieden, der ebenfalls entsteht, vermitteln. Das einzige, was sicher ist, ist die Veränderung. Ich freue mich inzwischen, wenn ich mal wieder ein Thema habe, das ich „füttern“ kann. Es ist doch jedes Mal eine gute Gelegenheit, sich selbst und sein Leben besser kennenzulernen. Und sich anschließend mit offenem Herzen von Veränderungen im „wirklichen“ Leben überraschen zu lassen.

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Brigitta Gerke-Jork ist Dipl. Kunsttherapeutin (FH) und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie arbeitet in eigener Praxis in Langen (Hessen) und u. a. in der Psychoonkologie und der Palliativstation der Uniklinik Frankfurt. Die Ausbildung in der psychotherapeutischen Arbeit mit dem „inneren Dämon“ (FYD) hat sie 2011/2012 bei Dr. med. Barbara Staemmler gemacht. Weitere Infos finden sich unter: www.kunstwerkstatt-am-wald.de

Termine, Therapeuten und Übungsgruppen zum „Dämonenfüttern“ und dem „Fünf-Schritte-Programm“ im deutschsprachigen Raum sind auf folgender Homepage zu finden: www.taramandala-sangha.de.

Anmerkungen:


(1) Chöd (tib.: gcod, durchtrennen, durchschneide): Die Chöd-Praxis stammt von der tibetischen Yogini Machig Lapdrön ma, die im 11. Jh. gelebt hat. Mit „Abschneiden“ ist eigentlich das spontane Erkennung und Überwinden der eigenen konflikterzeugenden Konzepte gemeint.

(2) „Anhaftung an das Ich“: Im buddhistischen Kontext wird das „Ich“ als etwas Illusionäres, letztendlich nicht Greifbares begriffen. Indem wir es fälschlicherweise als stabil und nicht als etwas aus vielen Faktoren, die einem ständigen Wechsel unterzogen sind, Bestehendes begreifen, entsteht automatisch Leiden und Unfreiheit.

(3) Tsültrim Allione: Den Dämonen Nahrung geben. Buddhistische Techniken zur Konfliktlösung; Arkana Verlag, München 2009. Es gibt auch eine gleichnamige CD.

(4) Artikel im Chökor Tibethaus Journal 46: Tsültrim Allione, Die eigenen Dämonen füttern. ...

"Jedes Kind ist ein Künstler, es kommt darauf an, dass es ein Künstler bleibt, während es erwachsen wird." Pablo Picasso.